Mittwoch, 29. Juni 2016

Michael Schophaus - "Im Himmel werten Bäume auf dich"

ISBN: 3-85842-387-4

... und ich dachte, dass ich meine Phase mit diesen Erzählungen über anderer Leute Schicksal hinter mir hätte. 
Es gab ja mal eine Zeit, da habe ich nur Bücher gelesen, die in diese Richtung gingen. Aber irgendwie scheint mich diese Phase wohl wieder eingeholt zu haben.
Eigentlich ist meine Mutter schuld. Die hat mir nämlich von einer Kollegin erzählt, welche sich dermaßen an einem Buch fest gelesen hatte, dass sie doch glatt das Schlafen vergessen hat. - Das Buch jedenfalls wollte ich auch lesen und bat sie, mir doch mal den Titel aufschreiben zu lassen.
Statt dem Titel brachte mir meine Mutter dann aber drei geliehene Bücher mit, von dem ich das erste, also das hier, gleich am ersten Abend verschlang. Von Vorne bis Hinten in nur einem Ritt.

Der Inhalt ist schnell erzählt, aber beiweitem nicht leicht:
Das Glück könnte für Familie Schophaus perfekt sein. Sie haben sich ein Leben aufgebaut, Kinder und an und für sich ein glückliches Leben. Zumindest so lang, bis der Mutter beim Füttern des kleinen Jakob eine geschwollene Wange entdeckt. Mit einem Aufschrei des Entsetzens leitet sie eine Zeit ein, die für die Familie alles andere als leicht ist.
Der kleine Jakob wird nun von einem Arzt zum anderen geschleppt. Er muss Untersuchungen noch und nächer über sich ergehen lassen und am Ende wird es ein Neuroplastom fest gestellt. Eine Art Krebs, die bei Kinder selten gut verläuft. - Aus 90% Chance werden 50%, dann 20% und zum Schluss nur noch 5%.
Michael Schophaus betreut seinen Sohn während der langen Zeit des Leidens. Eindrucksvoll beschreibt er die Hochnäsigkeit der Ärzte, dieses machtlose Gefühl der Eltern und im krassen Gegensatz dazu das sonnige Gemüt des kleinen Jakob.

Gleich zu Beginn sind bei mir die Tränen geflossen. Sie kamen einfach, ich konnte sie nicht aufhalten.
Ein Kopfkino hatte ich in diesem Fall nicht. Dafür hat mich das Buch aber auf andere Art und Weise berührt. - Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte das Lesen gar nicht groß unterbrechen können. Es war mir schlicht und ergreifend einfach nicht möglich!
Am Anfang hatte ich etwas Mühe, in das Buch hinein zu kommen. Das lag aber daran, dass der Herr Schophaus am Anfang ziemlich gestelzt daher geschrieben hat. Die Sätze waren lang und in sich verschachtelt und ich wollte doch eigentlich nur entspannt lesen. Diese Art gab sich dann aber gleich nach dem Vorwort und machte einem nüchternen und sachlichen Erzählstil Platz. Ich konnte seine Emotionen nach empfinden und habe mit ihm und mit seiner Familie gelitten.
Das Buch war leicht und handlich und lies sich so einfach und ohne Fingerkrampf in fast jeder Liegeposition halten.
Die Schrift war sehr augenfreundlich auf den Buchseiten aufgeteilt und ermöglichte so, meinen allergiegeplagten Augen, ein entspanntes Dauerlesen.
Leseunterbrechungen gab es auf den 190 Seiten nicht. Hätte sie es aber gegeben, wäre ich ohne Probleme und jederzeit wieder in die Handlung hinein gekommen.
Der komplette Text war unterteilt. Zum einen gab es eine Art Tagebucheintrag, immer mal wieder ein paar Sätze zum Befinden oder Hochs und Tiefs des kleinen Jakob. Das ganze war dann noch "aufgefüllt" mit erklärendem Text, warum dieses oder jenes noch in Angriff genommen worden ist oder eben nicht.
Im Anschluss kommen noch einige Leute zu Wort, die Jakob ein Stück seines Weges begleitet haben. Aber das fand ich stellenweise er abstoßend. So redet zum Beispiel eine Kindergärtnerin davon, dass er sich nie wirklich in die Gruppe integrieren konnte. Oder seine Therapeutin von der Maltherapie spricht über seine komplette Entwicklung. - Muss nicht sein. Echt nicht. Schon gar nicht diese Selbstbeweihräucherung seiner Ärztin... - Aber das muss Familie Schophaus selber wissen.

Für alle Interessierten unter euch findet ihr wieder eine Leseprobe auf meiner Website.

Wir lesen uns!